Markus Heinze
Saxophon, Kornett, Klavier
Der Bariton- und Tenorsaxophonist Markus Heinze vereint das extrem erweiterte Klangspektrum zeitgenössischer Improvisation mit einem knorrigen Ton, der an frühe Jazz-Ikonen denken lässt. Damit inspiriert er seit Jahren gleichermaßen verschiedenste Projekte und Ensembles der Improv-Szene wie der Jazz-Avantgarde.
„Mich bewegt die Vorstellung, dass ein einzelner Klang mit guter, verästelter Obertonstruktur wie ein roher Stein ist, der alle möglichen Formen der klingenden Welt in sich trägt. Den Vogelgesang, den startenden Hubschrauber, die Lautlosigkeit der Raubkatze – ich muss sie nur freilegen. Dass der Klang dabei verändert ans Licht tritt, ist so wenig ein Verlust wie in der Bildhauerei, sondern vielmehr das eigentlich vitale Moment.
Damit der Klang das auch hergibt, muss eines vorausgesetzt sein: Kein Kompromiss beim Sound. Ein Saxophon muss klingen, wie ein Wal schwimmt.“
Aufgewachsen in Burghausen, erhält er mit 10 klassischen Klavierunterricht . Mit 15 bringt er sich parallel dazu das Saxophonspiel bei. Bald taucht er in die Welt des Jazz ein, macht sich als energiereicher Hardbop-Tenorist einen Namen und spielt ab 1989 u.a. mit Allan Praskin, Martin Schrack, Rudi Fuesers, Al Porcino. Er studiert Musikwissenschaft und –pädagogik, Musiktheorie, Satzlehre und Komposition in München und Wien, wird später jahrelang als Musiklektor für renommierte Musikverlage arbeiten.
Mitte der 1990er Jahre wendet er sich von seinen Jazzprojekten ab und widmet sich der zeitgenössischen komponierten Musik sowie Klang- und Technikstudien, in denen er zunächst monatelang nur einen einzigen Ton spielt und dessen Resonanzen erforscht. Daraus entsteht sein erstes Soloprojekt Dreck (erste und zweite Fuhre).
Bald gründet er mit Christoph Reiserer, David Jäger und Stefan Schreiber das experimentierfreudige Saxophonquartett Le Fou Rohr, das einerseits radikale Saxophonexperimente pflegt, diese andererseits aber in vergnügt schmutzige Baustellenmusik und flirrende Grooves verwandelt. Hauptinstrument wird nun neben dem Tenor- das Baritonsaxophon.
Arbeitsaufenthalte führen ihn unter anderem mehrmals nach Glasgow, wo er mit dem Glasgow Improvisers Orchestra und Fred Frith arbeitet und seit 2005 im deutsch-schottischen Free-Saxophonquartett Rich in Knuckles mitwirkt.
2004 stößt er zum International Composers and Improvisers Ensemble München (ICI Ensemble), das gerade an der CD „Wisdom Of Pearls“ arbeitet, auf der er unter anderem erstmals am Tubax zu hören ist. Das ICI Ensemble macht sich vor allem in den folgenden Jahren einen Namen als eines der weltweit führenden größeren Improvisationsensembles. Es ist zugleich Motor für die überregionale Improvisationsszene und Anziehungspunkt für zahlreiche internationale Größen, wie u.a. Barry Guy, William Parker, Richard Barrett, Peter Brötzmann, Phil Minton.
Verschiedenste kammermusikalische Projekte der nächsten Jahre führen ihn mit Musikern wie Raymond MacDonald, Thomas Lehn, Urs Leimgruber, Hans Koch, Omri Ziegele, Sebi Tramontana zusammen. In dichter Folge entstehen außerdem mehrere Soloprogramme – ein Format, das ihm bis heute als Klanglabor dient. Die Arbeiten gipfeln in seiner Entwicklung des „präparierten Baritonsaxophons“, das er 2011 mit dem Werk „Installation“ vorstellt.
Ab 2005 wirkt er auch immer wieder in jazznäheren Kontexten mit – u.a. in den Mal-Waldron-Retrospektiven der legendären Band Embryo - und findet zum eigenen Erstaunen vollkommen bruchlose Verbindungen von King Oliver bis zu herabstürzenden Geräuschlawinen. Diese Erkenntnis mündet 2010 in die Gründung seines Trios Threeplay, in dem er seither mit Sunk Pöschl und Stefan Berchtold diesen Gedanken in immer neue Regionen führt.
Weitere Gründungen der folgenden Jahre zeigen andere Richtungen auf: Das Expanding Universe Orchestra lässt sich am ehesten als haltlose Freejazz-Übertreibung beschreiben, das Hardcore-Duo M‘s Law mit Maex Huber nimmt es mühelos mit einem vollbesetzten Irish Pub auf, der 2019 gegründete Improvisers Pool Regensburg überlagert blubbernde Clubsounds mit E-Gitarren-Flächen und Freejazz-Splittern.
Markus Heinze hat seine Hauptinstrumente Bariton- und Tenorsaxophon zum unerschöpflichen Panakustikum entwickelt: Durch erweiterte Spieltechniken, mechanische Präparationen, simultanes Spiel mehrerer Instrumente und andere unsachgemäße Verwendungen, aber ohne elektronische oder digitale Eingriffe, erzeugt er ungeahnte Klangwelten, die er durch weitere Instrumente zusätzlich auffächert. Häufig ist er am Kornett zu hören, einem Instrument, das als Blechblasinstrument wieder andere Klangbereiche aufschließt – und zugleich nicht von ungefähr an die ersten Dekaden des Jazz denken lässt. Und er ist auch als Pianist zu erleben, mit wohl am besten als aberwitzig zu beschreibender Behandlung des Instruments, in der doch seine klassische Klaviertechnik aufblitzt.
Discographie
ICI Ensemble: Wisdom of Pearls (PAO)
ICI Ensemble & Olga Neuwirth: Who am I (NEOS)
ICI Ensemble & William Parker: Winter Sun Crying (NEOS)
ICI Ensemble & Peter Brötzmann: Beautiful Lies (NEOS)
ICI Ensemble & Phil Minton: Say Yes. Till No. (NEOS)
Rich in Knuckles: Light in Dark Corners (CREATIVE SOURCES)
TiefTonTrio: TiefTonDschungel (PILGRIMS OF SOUND)
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